17. Oktober 2021
Opa und seine Hunde

Mein Opa, seine Hunde und ich

In den 60er Jahren wohnte mein Opa mit seiner Frau in Gelsenkirchen Horst im Weidkamp. Seine Lieblingsbeschäftigung war es, stundenlang aus dem Küchenfenster zu sehen, eigentlich immer mit einer Handelsgold Zigarre im Mund, die mächtig qualmte. Dafür hatte er ein spezielles Kissen, um seine Ellenbogen darauf abstützen zu können. Er sah auf die drei Backsteinschlote der Gelsenberg Benzin AG, auf eine kleine Straße mit Kopfsteinpflaster und auf seine Garage. Das Haus stand circa achtzig Meter von einer hohen Mauer entfernt, hinter der die Galopprennbahn am Horster Schloss ihren Standort hatte. Bei jedem Rennen konnte er den Stadionsprecher so laut hören, als wäre er sein Nachbar. Die Küche war ständig voller Fliegen, die einen metallisch aussehenden grünen Körper hatten. Oma war in der Lage, die Fliegen mit der Hand zu fangen, hielt dann ihre geschlossene Faust unter einen Wasserstrahl und warf sie als Beweis an die Decke. Dort blieben sie dann so lange, bis ihre Flügel wieder getrocknet waren; dann flogen sie davon. Oma war der festen Überzeugung, dass sie von dem Pferdemisthaufen hinter der Mauer herüberfliegen würden.

Opas Hund

Obwohl mein Opa nie einen Führerschein besaß, hatte er dennoch eine Garage, die aber nur drei Wände und ein Flachdach hatte. Die vierte Wand war schon immer, so wie ich mich erinnern kann, mit einem Drahtzaun versehen, der genauso hoch war, wie die anderen Wände auch. Hinter dem Drahtzaun lag immer viel Stroh auf dem Boden, ein mächtiger Knochen, ein bissfester Ball und eine mächtige Hundehütte. Sie war bestimmt 1,50m hoch. Früher erschien sie mir noch viel größer. Mein Opa war nie Hundezüchter, er hatte auch immer nur einen Hund, immer von der gleichen Rasse, einen Rottweiler. Mein Opa bildete Wachhunde aus. Die Hunde wurden ihm sehr jung gebracht, er freundete sich mit ihnen an, brachte ihnen alles bei, was einen guten Wachhund ausmacht und gab sie anschließend ihrem alten Herrchen zurück. Bei der Übergabe durfte ich nie dabei sein, ich glaube, Opa wollte nicht, dass ich ihn weinen sehe.

Rottis Futter

Mein Opa gab seinen Hunden nie einen Namen, nannte sie immer Rotti, und ging zwei bis dreimal in der Woche zu einer Fleischerei, um Pansen für seinen Hund zu kaufen. Wieder zuhause mischte er noch zwei weiß aussehende Pülverchen darunter, gab noch ein aufgeschlagenes Hühnerei dazu und legte den Fressnapf in den Hundezwinger. Obwohl man dem Hund ansah, wie hungrig er war und seine Zunge weit aus dem Maul hing, begann er mit dem Fressen erst, wenn Opa das Wort -Fress-sagte. Das Geheimnis für das hellglänzende Fell und der weißen Zähne des Hundes hat er mir nie verraten.

Besuch meiner Großeltern

Drei bis viermal in der Woche besuchte ich meine Großeltern und fand es jedes Mal sehr aufregend mit Opa und seinem Hund im Schlosspark spazieren zu gehen. Manchmal durfte ich sogar die Leine halten. Irgendwann kam aber dann die Zeit, dass der Hund keine Leine mehr brauchte, immer brav neben dem Opa herlief und alle Befehle, wie -Sitz-, -Platz,-, und -Leg dich hin- so gut ausführte, als hätte er sie ganz und gar verinnerlicht. Das Schöne daran war, dass er auch auf mich hörte und sich von mir streicheln ließ. Am Bauch gefiel es ihm am besten.

Wenn Großvater sich aber seinen dicken Lederhandschuh überstreifte, der bis zu seinem Ellenbogen reichte, wusste ich, dass jetzt was ganz Außergewöhnliches passieren würde. Bei dem Wort -Fass – wurde aus dem vorhin noch sehr friedlichen Hund eine wahre Bestie. Der Rottweiler biss mit aller Kraft in den Handschuh und ließ erst wieder von meinem Opa ab, wenn er -los- sagte. Der Hund legte seine wilde Maske sofort ab und war wieder ganz der Alte, völlig friedlich und entspannt. Manchmal gingen wir auch mit dem Hund am nahen Kanal spazieren, Opa warf Stöcke, der Hund sprang ins Wasser und brachte sie zurück. Opas Hund wuchs sehr schnell heran und wog bald mehr als ich. Es kam auch vor, dass Leute, die uns entgegenkamen, die Straßenseite wechselten, oder im Park durchs Gras liefen, wenn wir auf dem Weg gingen, Opa, ich und Rotti. Was der Hund auch sehr gut konnte, war warten.

Waren Großvater und ich mal einkaufen, saß der Hund ganz friedlich am Eingang, bis wir wieder herauskamen.  Andere Hunde haben Opas Hunde nie interessiert. Auch durften Opas Hunde nie ins Haus. Sie hatten keine Möglichkeiten, die vielen Urkunden an der Wand zu sehen, die mein Opa als Hundetrainer schon bekommen hatte. Wieso diese Geschichte? Ich bin letztens mal am Weidkamp 81 vorbeigefahren, nur so. Das Haus steht noch, auch die Garage, aber sie hat jetzt vier Wände.

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